… in langjährig belastenden Paarbeziehungen

Jürg Willi

 

Liebe Lovebirds,

dauerhafte Ehen haben oft eine Substanz, die äußerlich nicht sichtbar ist. Im Erwachsenenalter fördert nichts die persönliche Entwicklung so heraus wie eine Liebesbeziehung, aber auch nichts lähmt die persönliche Entwicklung so sehr wie eine destruktiv gewordene Beziehung. Langweilig und öde wird eine Beziehung erst, wenn die Partner es nicht verstehen, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen und unangenehme Themen miteinander zu diskutieren. Vom Ablauf der Beziehungsgeschichte her gesehen ist der kritische Wendepunkt zu dieser langweiligen Beziehung die Enttäuschungsphase, die häufig der ersten Verliebtheitsphase folgt. Das Leiden am nie vollständigen Passen von zwei Personen, hat den positiven Effekt, dass sie sich über sich selbst auseinandersetzen müssen, dass sie versuchen werden, sich einander zu erklären und sich über sich selbst klarer zu werden.
Es ist verständlich, dass viele Paare versuchen, Enttäuschungen zu umgehen und bestrebt sind, die anfängliche Idealisierung weiter zu pflegen und ein Leben in ungetrübter Harmonie aufrechtzuerhalten. Sie muten sich Auseinandersetzungen oder gar Streit nicht zu, da sie meinen, die Beziehung werde dadurch in eine tiefe Krise geraten, an der sie zerbrechen könnte. Diese Pseudoharmonie wird erhalten durch Überanpassung und Verleugnung von allem, was trennen könnte. Dadurch verliert die Beziehung aber ihre Lebendigkeit. Wenn zwei Partner darüber klagen, sie hätten einander nichts mehr zu sagen, liegt das nicht daran, dass sie wirklich nichts mehr zu sagen hätten, sondern weil sie immer mehr Themenbereiche aus ihren Gesprächen ausklammern.

Jürg Willi (1934 – 2019) war Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie sowie Psychoanalytiker, der als Autor auch über Fachkreise hinaus bekannt wurde. Er war der erste, der im deutschen Sprachraum Paartherapien durchführte. Er leitete die Psychiatrische Poliklinik am Universitätsspital Zürich und war Professor an der Universität Zürich.

Ihr seht Ihr einen Ausschnitt aus einem Seminar im Rahmen des Kongresses „Resilienz – Gedeihen trotz widriger Umstände“ vom 09. – 12. Februar 2005 in Zürich, den uns unser Partner „Auditorium Netzwerk“ freundlicherweise zur Verfügung gestellt hat.

Eure Julia.

 

 

 

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Foto: stock.adobe.com © Voyagerix

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